Die Flucht

Die Flucht

aus „Boandlkramer“, Edition Golbet, 2015

 

Ein Hirsch bricht durch das Unterholz und verharrt. Witternd. Dann setzt er mit langen Sprüngen über die Lichtung und verschwindet im Schatten des Waldes. Stille kehrt zurück, untermalt vom Summen der Mücken. Zwischen den Fingerhutstauden spielen Sonnenstrahlen und bringen die scharlachroten Blüten zum Leuchten. Ein Kaninchen streckt den Kopf aus seinem Bau, schnuppert, hoppelt hinaus – und huscht zurück.

Zweige knacken. In rascher Folge brechen sie entzwei, immer lauter. Immer näher. Eine junge Frau stolpert zwischen den Bäumen hervor. Sie ist gelaufen. Eine Ewigkeit. Stets bergauf. Hektisch blickt Una sich um.

Ihre Arme sind zerkratzt. Das helle Kleid blutverschmiert. Strähnen haben sich aus der kunstvollen Frisur gelöst und umzittern ihr Gesicht bei jedem Atemstoß. Sie stützt sich an einen Baum, versucht, sich zu beruhigen. Sie muss hören, ob die Männer ihr auf den Fersen sind.

Aber ihr Atem ist zu laut, ihr Herzschlag zu dröhnend. Sie meint, immer noch das Klatschen und Stampfen der Dorfbewohner zu vernehmen.

Morgendunst hing über der Anhöhe. Alle waren gekommen, standen am Straßenrand und verfolgten mit tausend Augen ihren Weg hinauf zum heiligen Hain. Sie mussten zurückbleiben, durften nicht teilhaben am Ritual. Aber beitragen wollten sie etwas. Deshalb fingen sie an, auf den Boden zu stampfen und mit den Händen zu klatschen. Ein sich stetig steigernder Rhythmus. Matto und Albin begleiteten Una, hatten ihr die Hände auf den Rücken gefesselt. Sie richtete sich auf und blickte ihren Verwandten und Nachbarn gerade ins Gesicht. Sie sollten nicht glauben, sie hätte den Mut verloren. Aber leicht war es nicht, den Blicken der anderen standzuhalten. Sie sah Stolz, Mitleid, Neid und bei ihrer Mutter Verzweiflung. Das war das Schlimmste, und ließ sie doch die Augen senken, als sie weiter durch das nicht enden wollende Spalier der Menschen schritt.

Una späht durch die Bäume. Hat sie nicht eben etwas gehört? Schritte? Aber nein, die Nerven spielen ihr einen Streich. Hier ist niemand. Nur ihr Puls pocht in den Ohren.

Sie hatte einen unachtsamen Moment genutzt, um ihnen zu entkommen. Das Messer lag schon bereit, seine Schneide blinkte im ersten Sonnenlicht. Der Priester hatte Matto in den Tempel geschickt, um das Räucherwerk zu holen. Sie ließ er niederknien. Dann hob er seine Hände gen Himmel und sprach mit geschlossenen Augen die Gebete. Nur Albin war noch bei ihr, trat von einem Fuß auf den anderen. Es war seine erste Opferung. Una wusste, wenn sie es versuchen wollte, dann musste es jetzt sein.

Sie drehte ihre Hände in den Fesseln und stöhnte leise. Der Druide ließ sich in seinem Gebet nicht stören, proklamierte nur noch lauter die Anrufung der Großen Göttin. Unterdessen wandte Una ihren Kopf leicht zur Seite, bewegte wieder ihre Hände und sah Albin flehend an. Er zögerte. Sie verzog schmerzvoll das Gesicht. Da beugte er sich zu ihr hinab und lockerte das Lederband. Mit einer raschen Drehung schlüpfte sie aus den Schlaufen, gleichzeitig rappelte sie sich auf. Albin wollte sie fassen, aber sie tauchte unter seinen Händen hindurch und stieß ihn mit aller Kraft zur Seite. Er taumelte, fiel und rollte ein Stück den Abhang hinunter.

Nun erwachte der Druide aus seiner Trance und blickte sie mit glasigen Augen an. Bevor er fähig war, etwas zu sagen oder zu tun, umrundete sie ihn.

Sie musste durch den Eichenhain, den Hügel hinab, weg von Gabreta. Im Geist sah sie schon das Tal vor sich und dann den dichten Wald, der den Berg in eine grüne Decke hüllte. Hoffnung weitete ihr Herz.

Sie hörte die Männer hinter ihr schreien, der Druide verfluchte sie. Una blieb jedoch nicht stehen. Sie wollte sich nicht abschlachten lassen. Sie wollte leben.

Aber nun: Wo soll sie nur hin? Sie fährt sich über die Stirn und hinterlässt eine schmutzige Spur.

Selbst wenn es ihr gelingen sollte, ihren Häschern zu entfliehen, kann sie nie mehr zurück. Ab heute hat sie kein Zuhause, keine Familie mehr. Sie darf nicht an die Schmach denken, die sie ihren Eltern mit der Flucht angetan hat. Das macht sie schwach. Sie muss jedoch stark sein. Und erfindungsreich. Wo könnte sie sich bloß verbergen?

Mit der Hand an der Rinde umkreist sie den Baum. Wirft einen Blick auf die Lichtung. Wendet ihren Kopf nach Westen. Schaut zurück, von wo sie gekommen ist. Blickt nach Osten. Wieder auf die Lichtung.

Diese Waldwiese kennt sie. Den umgestürzten Baumriesen. Das Fingerhutgebüsch. Wie oft hat sie ihren Vater auf der Jagd begleitet? Unzählige Male. Und hier an diesem Platz haben sie Rast gemacht. Das mitgebrachte Brot verzehrt. Aus der Quelle getrunken. Und das Beste: Ganz in der Nähe gibt es eine hohle Buche. Als Kind hat sie sich dort versteckt und ihr Vater musste sie suchen. Welch ein Vergnügen.

Das ist ihre Chance.

Sie muss den Baum finden.

Noch einmal hält sie Ausschau. Horcht. Schüttelt den Kopf. Sie sieht nichts von den Männern, hört nichts. Vielleicht hat sie Glück und die beiden abgehängt.

Hoffentlich. Sie darf sich nicht vorstellen, was passiert, wenn die Männer sie einfangen.

Sie läuft am Rande der Lichtung entlang. Ihre Schritte sind wieder leichter. Die Schuhe berühren keinen Ast. Auf der anderen Seite der Wiese bahnt sie sich einen Weg durch das Brombeergestrüpp. Es kümmert sie nicht, dass die Ranken nach dem Saum ihres Kleides greifen. All ihr Streben ist darauf gerichtet, den hohlen Baum zu erreichen. So entgeht ihr, dass die Dornen ein Dreieck aus dem dünnen Stoff reißen. Unwissend lässt sie dieses Zeichen zurück, weiß leuchtend zwischen den dunklen Blättern.

Hier muss es irgendwo sein. Buchen dominieren das Waldstück. Sie blickt sich um. Begutachtet die Dicke der Stämme. Sie war schon lange nicht mehr in diesem Gebiet, aber die Fichte mit den drei Wipfeln meint sie, zu erkennen. Und dann, weiter links. Da muss doch … Rasch eilt das Mädchen in die Richtung, in der es das Versteck vermutet. Ja, da ist es! Epona sei Dank!

Mächtig erhebt sich die alte Buche und streckt ihre Äste zur Sonne empor. Die umstehenden Bäume ducken sich unter der ausladenden Krone und neigen sich respektvoll zur Seite. Die  Zweige sind mit Vögeln bevölkert und Eichhörnchen springen im Geäst. Sicherlich wohnt in jeder Astgabel eine Elfe.

Una lächelt. Sie hat ihre Zuflucht gefunden.

Da trägt der Wind eine Stimme durch den Wald. »Albin, hier. Ein Fetzen von ihrem Kleid.«

Die junge Frau zuckt zusammen. Das sind sie!

Sofort schlägt ihr das Herz wieder bis zum Hals. Sie darf keine Zeit mehr verlieren, muss versteckt sein, bevor die Männer kommen. Sie hastet zur Buche und findet den Spalt, der zum Hohlraum führt. Wenn sie sich auf Zehenspitzen stellt, kann sie hineinsehen. Ein schmaler Eingang in eine hölzerne Höhlung, dunkel und feucht. Als Kind war es ganz einfach, dort hinaufzugelangen. Sie erinnert sich. Schnell legt Una ihre Hände in die Vertiefung und spannt die Muskeln an. Sie stemmt die Füße gegen den Stamm, aber sie rutschen ab. Immer wieder. Wieso gelingt es ihr nicht, hinaufzuklettern? Wieso? Wieso?

Die Männer poltern durch den Wald. Nun müssen sie nicht mehr darauf achten, unbemerkt zu bleiben. Sie wissen, dass Una ganz in der Nähe ist und wollen sie aus ihrer Deckung treiben. Geräuschvoll brechen sie Äste ab, reißen Pflanzen aus, die ihnen den Weg versperren. Wie Wildschweine pflügen sie sich einen Pfad durch das Holz.

»Una, wo bist du?«, schreit einer von ihnen. Wahrscheinlich Matto. »Komm raus, wir tun dir nichts.«

Die junge Frau glaubt ihm nicht. Natürlich nicht. Mit aller Gewalt versucht sie, sich emporzuziehen. Krallt die Fingernägel in das Holz. Vergebens. Immer wieder setzt sie an, aber sie findet keinen Halt. Tränen laufen ihr übers Gesicht.

»Una?«, ruft jetzt der andere.

Sie schluchzt auf. Sie sind schon so nah. Panisch streift sie die Schuhe von den Füßen. Ihre Finger sind blutig, die Nägel eingerissen, aber sie achtet nicht darauf. Beißt die Zähne zusammen. Ihre Haare kleben an der schweißnassen Stirn.

„Bitte, Epona, hilf!“, flüstert sie. „Bitte, Große Göttin, verzeih mir! Bitte, bitte! Ich opfere dir ein Lamm statt meiner. Bitte!“ Sie bohrt ihre Zehen in die Rinde. Presst sich an den Stamm und umfasst ihn mit den Händen. Während sie inbrünstig Gebete murmelt, geschieht das Wunder.

Sie kann sich ein Stück hinaufziehen. Noch eines. Dann einen Fuß in den Spalt klemmen.

Sie weint, jetzt vor Erleichterung. Bald hat sie es geschafft. Die Götter sind auf ihrer Seite. Sie hat es gewusst. Tief atmet sie ein, fasst nach, schiebt sich hoch. Noch ein wenig höher – gleich ist sie in Sicherheit!

Ein Geräusch lässt Una erstarren.

Von hinten umschließen sie Arme, hart wie Buchenholz, und pflücken sie vom Baum.