BöfflaMORD

Das ist die lange Version der Geschichte :

Nachsitzen

 

„Mama! Guck mal!“ Der Junge drückte seine Nase an das mit Eisblumen bedeckte Fenster. Er war vorausgelaufen und als erster an dem alten Haus. Das klopfende Geräusch eines Holzladens, der sich aus der Verankerung gelöst hatte und nun im Wind gegen den Fensterrahmen schlug, hatte ihn angelockt. Er war auf einen großen Stein, der direkt unter dem Fenster lag, geklettert und hatte sich hochgezogen. Trotzdem musste er sich auf die Zehenspitzen stellen, um hineinsehen zu können. Sein Atem beschlug die Scheibe und er wischte die weiße Schicht mit seinem Handschuh wieder weg.

„Was ist das denn?“, rief er.

Seine Eltern kamen langsam auf dem tief verschneiten Weg näher. So hatten sie sich ihre Ferien im Bayerischen Wald vorgestellt. Schnee, wohin das Auge reichte. Meterhoch. Einsame, idyllische Landschaften, urige Einwohner und köstliches Essen. Sie freuten sich schon auf die Leberknödelsuppe in der Henkershüttn unten im Ort.

Der Aufstieg nach Leopoldsreut hatte wegen des Schnees länger gedauert, als im Wanderführer angegeben war. Glücklicherweise war wohl erst gestern ein Wagen heraufgefahren. So konnten sie in den Spurrillen vorankommen. Eisigkalt war es hier oben. Aber die Luft – wunderbar.

Sie wollten die Kirche St. Nepomuk und das alte Schulhaus von Leopoldsreut besichtigen. Der Wirt von der Henkershüttn hatte ihnen den Tipp gegeben. Ein untergegangenes Dorf. Er hatte seine Kindheit dort bei den Großeltern verbracht. Jetzt war nichts mehr davon übrig außer den beiden Gebäuden. Vor fünfzig Jahren waren die letzten Bewohner fortgezogen, die Bauernhäuser dem Erdboden gleichgemacht und die Fläche aufgeforstet worden, hatte er erzählt.

Der Junge war sofort mit der Wanderung einverstanden gewesen. Er hatte sich eine Geisterstadt wie im Wilden Westen vorgestellt. Die anfängliche Enttäuschung über die winzige Kirche und das kleine Holzhaus war vergessen, als er das Durcheinander in der Schule entdeckt hatte. Er wischte wieder über die Fensterscheibe.

Seine Mutter stieg hinter ihm auf den Stein und sah in den dunklen Raum hinein.

„Was hast du denn gefunden?“, fragte sie ihren Sohn. Als sie es erkannte, drehte sie seinen Kopf abrupt vom Fenster weg, drückte ihn fest an ihren Busen und schrie.

*

Am Vorabend in der Henkershüttn. Trotz ihres Namens war die Henkershüttn eine ganz normale, bayerische Gastwirtschaft. Touristen ließen sich eine Leberknödelsuppe schmecken, eine Spezialität des Hauses, und kritzelten das Rezept in die grüne Fläche ihrer Wanderkarte. In den Bayerischen Wald. Da das Rezept einfach war und im Grunde nur aus Leber, Hackfleisch, Wammerl, Zwiebeln und Semmeln bestand, nahm es nicht viel Platz weg. An der Theke saßen die üblichen Gesichter und sinnierten über ihren Biergläsern. Draußen war es bereits dunkel.

Da öffnete sich die Tür und ein älterer Mann brachte einen Schwall Winterluft herein. Er strich sich die Haare vom Scheitel aus glatt und ging quer durch die Gaststube an den Tisch in der hintersten Ecke. Die Blicke der Stammgäste folgten ihm.

Franz Regensburger, der Wirt der Henkershüttn, stellte dem Beni sein drittes Bier hin und wollte sich gerade auf den Weg machen, um den neuen Gast nach seinen Wünschen zu fragen. Da packte Beni ihn am Ärmel und zog ihn zu sich herunter.

»Dem gibst aber kein Bier«, zischte er.

Der Wirt zog die Augenbrauen hoch. »Warum nicht?«

»Weißt nicht, wer das ist?«

»Freilich. Aber ich hab keinen Gerichtssaal, sondern eine Wirtschaft.« Unter seinen buschigen Brauen sah er den Jüngeren fest an. »Und solang einer nicht im Gefängnis hockt, kriegt er von mir ein Bier.«

»Dann schmeckt´s mir nicht mehr«, rief ihm der Beni hinterher und warf das Geld auf die Theke. Im Hinausstapfen holte er sein Handy aus der Hosentasche.

»Da vorn ist er. Duck dich!« Die starken Scheinwerfer des Geländewagens strahlten durch den Vorhang des fallenden Schnees. Am verwaisten Taxistand lehnte ein Mann am Laternenpfahl.

Beni bremste ab und der Wagen kam exakt neben dem Wartenden zu stehen. So ein Gefährt mit Vierradantrieb und Voll-ABS war schon eine feine Sache. Er drückte auf einen Knopf und das Beifahrerfenster glitt nach unten.

»Hey! Herr Brandner. Wollen S` mit?«

Der Mann kam näher und beugte sich hinunter, um in den Wagen zu schauen. Für einen sichereren Stand hielt er sich am Autodach fest. Schneeflocken glitzerten auf seinen grauen Haaren. Sein alkoholgeschwängerter Atem vermischte sich mit dem Bierdunst, der schon im Inneren des Autos waberte.

»Ja, der Moser Beni.« Der Brandner grinste. Der Beni grinste zurück. Sein alter Lehrer hatte ihn also gleich erkannt. »Mitnehmen willst mich? Fahrst denn in meine Richtung?«

»Des mach´ ma scho passend.« Beni nickte ihm zu. »Steigen S´ ruhig ein.«

»Ja, dann.« Der Mann ließ sich schwerfällig auf dem Beifahrersitz nieder und zog die Tür zu. Als er nach dem Sicherheitsgurt griff, tauchte hinter seiner Rückenlehne eine Gestalt auf. »Da ist ja noch einer!«

»Grüß Gott Herr Brandner«, sagte Hans. Seine Eunuchenstimme passte nicht zu seinem kräftigen Körperbau.

Der ältere Mann drehte sich, soweit es ging, nach hinten. »Warst auch in meiner Klasse?« Er kniff die Augen zusammen, um den Mitfahrer besser sehen zu können. Der von den Straßenlaternen angestrahlte Schnee leuchtete durch die Heckscheibe und blendete ihn.

»Nein. Das ist nur ein Freund«, kam der Beni mit dem Antworten zuvor. »Wo wollen S` denn hin, Herr Brandner?«

»Tannenweg 7. In der alten Siedlung ganz hinten.« Er hatte seinen Blick wieder auf seinen ehemaligen Schüler gerichtet. »Einen feschen Wagen hast. Ist das deiner?«

»Freilich. Was denken Sie?« Der Beni schaltete in den nächsthöheren Gang und tippte mit seinen schmalen Fingern auf das Lenkrad.

»Na, der Fleißigste warst nicht damals.« Der Lehrer kramte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich die geschmolzenen Flocken von der Stirn. »War nicht leicht mit dir. Warst nicht bloß einmal beim Nachsitzen und Verweise hast auch einen nach dem anderen kassiert. Bist nicht gar durchgefallen?«

Der Gefragte reagierte nicht. Er starrte geradeaus auf die Straße, die Hände nun verkrampft. Sein drahtiger Körper war stocksteif. »Sonst fahren S´ immer Taxi, oder, Herr Brandner?«, brachte er heraus.

»Ist vernünftiger, wenn man ein Bier zu viel intus hat. Gell?« Wie um seine Aussage zu unterstreichen, rülpste Brandner und stieß eine dichte Wolke Wirtshausgestank aus. »Aber heute hab ich ja einen Privatchauffeur.« Er tätschelte Beni den Oberschenkel. Erschreckt sah der auf die schwammige Hand hinunter, die langsam von seinem Bein glitt. Ein Zucken ging durch seinen Körper.

»Und…«, Beni musste sich räuspern, seine Stimme klang heiser. »Sie haben Ihre Hände da, wo sie nicht hingehören.«

»Wie meinst jetzt das?« Der Brandner setzte sein hochmütiges Lehrergesicht auf.

»Das wissen S´ selber ganz genau«, fuhr ihn der andere an. »Ich sag nur Trixi.«

»Keine Ahnung, von was du redest. Da vorn musst abbiegen.« Der Brandner deutete mit seiner Hand nach links.

Der Beni bremste aber nicht. Im Gegenteil. Er stieg noch mehr aufs Gas und der Wagen zog an.

»Die Trixi hast angrapscht, du alter Sack.« Das Sack spuckte er dem Brandner ins Gesicht. Beim Beni war jetzt Schluss mit der aufgesetzten Höflichkeit. »Sie hat dich nimmer fahren wollen. Und du Depp beschwerst dich. Da hat die Boxleitnerin sie rausgeschmissen. Hochkant. Verstehst!«

»Ho ho! Immer ruhig mit den jungen Pferden.« Der Brandner schaute seiner Abbiegung hinterher und riss den Arm hoch. »Was soll das? Hier hättst abbiegen müssen.«

»Nix is mit Abbiegen. Nachsitzen wirst jetzt«, keifte Beni. »Da kannst dann überlegen, ob das richtig war, was du gemacht hast.« Er imitierte den Lehrer und trieb seine Stimme am Ende höhnisch in die Höhe.

»Was willst? Lass mich auf der Stelle aussteigen!« Der Brandner langte zum Türgriff. Geschwind drückte der Beni auf einen Knopf links von ihm. Mit einem Klacken verriegelten sich die Türen. Der Lehrer zerrte am Griff.

»Lass mich raus«, brüllte er. »Sofort!« Da bekam er von hinten, vom stillen Hans, eine Kopfnuss, eine harte.

»Au!« Der Brandner duckte sich. »Seid ihr jetzt ganz deppert?« Er versuchte, dem Beni ins Lenkrad zu greifen. Der jedoch ahnte die Bewegung voraus, riss seinen Ellbogen zur Abwehr nach oben und schrie: »Mach.« Da hatte der andere schon den Kälberstrick über den Kopf vom Brandner geworfen und zog die Schlaufe zu. Nicht allzu fest, aber überzeugend genug.

Der Brandner krächzte vor Schreck und versuchte, seine Hände zwischen den Strick und seinen Hals zu bekommen. Aber dazu war nicht genug Platz. Trotzdem fummelte er weiter. Von drohender Atemnot getrieben.

»Schön brav bleiben.« Nun tätschelte der Beni dem Brandner den Schenkel.

»Wo bringt ihr mich hin?« Der alte Lehrer brachte die Worte nur mühsam hervor. Angst hatte seine Wut gefressen.

»Na, dahin, wo du dich am wohlsten fühlst. In die Schule«, sagte der Beni. Hans kicherte und die Scheibenwischer quietschten.

»Schule? Welche Schule?«

»Das wirst schon noch früh genug merken.«

Wenn der Brandner gekonnt hätte, wäre er vornüber gesunken. Aber der Strick hielt ihn aufrecht. »Und warum?«

»Warum, fragt der. Warum?« Beni äffte seinen Gefangenen nach. »Weil die Trixi in Mainkofen ist. Darum. Krisenstation. Verstehst? Weil sie es nicht mehr ausgehalten hat, arbeitslos zu sein. Wegen dir Volldepp. Taxlern war nämlich ihr Leben.« Beni wandte seinen Blick kurz von dem Schneegestöber ab, die Augen nur ein Spalt.

»Und was hat die Trixi mit dir zu tun?«, wagte der Lehrer noch einen Vorstoß. Auf der Stelle kam die Antwort. Eine Kopfnuss von hinten. Das hatte schon fast Tradition.

»Sie ist seine Schwester, Du Schnellgneißer.«

Eine Hand am Kopf, die andere am Strick schaute der Brandner auf die Straße. Wie kam er da jetzt wieder raus? Wo waren sie überhaupt? Der Schnee fiel so dicht, dass man kaum die Begrenzungspfosten am Straßenrand ausmachen konnte. Trotzdem behielt der Beni sein Tempo bei.

Ach ja, das Navi. Natürlich, so ein Kracherauto hatte selbstverständlich ein Navigationssystem. Der Brandner konnte Hinterschmiding entziffern. Dann bog das Fahrzeug rechts von der Hauptstraße ab. Graineter Wald stand auf dem Bildschirm und weiter oben Leopoldsreuter Wald. Mein Gott, sie wollten nach Leopoldsreut! In die alte Schule. Mitten im Nirgendwo, im eiskalten Wald.

A dreiviertl Jahr Winter, a viertel Jahr koit, so ist das Wetter im Woid.

Vorsichtig wandte er den Kopf und betrachtete das Profil vom Beni. Verbissen starrte der auf die Straße. Manchmal drehten jetzt sogar die Räder von dem Geländewagen durch und der Wagen scherte aus. Auf dem Weg nach Leopoldsreut war schon länger keiner mehr gefahren und der Schnee lag hoch.

Alle drei schwiegen.

Brandner lehnte sich an die Kopfstütze. Die Hände vor seinem Bauch wie zum Gebet verschränkt. Eine letzte Minute Ruhe.

Der Wald lichtete sich, die hohen Bäume traten zurück und gaben einen kleinen Platz mit zwei Gebäuden frei. St. Nepomuk und das Schulhaus. Brandner konnte sie mehr erahnen, als dass er sie sah. Beni fuhr eine Schleife und sein Wagen kam mit der Schnauze in Richtung Heimweg zu stehen. Dann klatschte er in die Hände. Der Druck des Strickes wurde wieder fester. Hans schien aus seiner Lethargie erwacht.

Beni stieg aus, drückte sich gegen den Wind, umrundete das Auto und hielt dem Brandner die Tür auf. Er übernahm den Strick vom Hans, zog daran.

»Herr Lehrer.« Er deutete eine Verbeugung an und zeigte in Richtung Schule. Hans stand an seiner Seite und grinste. Er hatte einen Gips am linken Fuß, auf die nackten Zehen legten sich erste Schneeflocken.

Der Brandner blieb stur sitzen und blickte aus der Windschutzscheibe. Aber nicht lang. Beni riss am Strick und der Lehrer beeilte sich, doch auszusteigen.

Draußen wütete der Winter. Der Wind blies die Schneeflocken in einem spitzen Winkel auf die Erde. Die Kristalle stachen wie tausend Nadeln. Brandner kniff die Augen zusammen.

»So, Herr Lehrer, jetzt werden wir dir mal ein bisschen Benehmen beibringen.« Beni zog am Strick und Brandner taumelte nach vorne. »Als erstes, weg mit der Jacke.«

»Nein!« Brandner riss angstvoll die Augen auf. »Willst, dass ich erfrier?«

Der Beni beugte sich nah an sein Gesicht. »Die Kündigung hat die Trixi auch kalt erwischt.« Er hob auffordernd seinen Kopf und sah seinen Freund an. Der griff sich den Jackenkragen vom Brandner, rupfte den Anorak mit einer Bewegung herunter und warf ihn ins Auto. Dann drückte er die Tür der Beifahrerseite zu.

Der Wind tobte um sie herum und zerrte an ihren Haaren. Brandner fing ohne Jacke sofort zu zittern an. Er schlug die Arme um den Körper. »Beni, bitte, sei doch vernünftig. Wenn du mich gehen lässt, sag ich auch nichts. Bitte!« Seine Zähne stießen unkontrolliert aufeinander.

Aber der andere lachte nur auf, eine Hand auf seinen Bauch gedrückt. »Sonst noch was. Dir bringen wir erst mal Manieren bei. Hose runter.«

»Was!«

Ein Ruck am Seil, und Brandner hatte andere Sorgen als seine Hose.

»Mach schon!«, bellte Beni und hielt sich mit  verkniffenem Gesicht weiter den Bauch.

Hans gehorchte. Er langte um den Lehrer, knöpfte ihm die Hose auf und zog sie herunter. Nun stand der Brandner erstarrt im Schneesturm, die Hose um seine Fußknöchel. An seiner Unterhose bildete sich ein gelber Fleck, der sich schnell ausbreitete und seine Tropfen bald als Rinnsal zu den Schuhen schickte. Die beiden Jüngeren stierten auf die dampfende Stelle im Schnee.

»Ah«, stöhnte Beni und drückte Hans das Seil in die Hand. »Ich muss mal«, presste er hervor und lief schon Richtung Wald.

»Beni!«, schrie sein Freund hinterher. Der Schnee flog ihm in den offenen Mund. »Der mit seiner verdammten Scheißerei!« Er stapfte mit dem Fuß auf. »Immer wenn´s erst wird.« Heftig zog er am Strick. »Los, wir gehen.«

Doch Brandner rührte sich nicht von der Stelle. Er schaute dem entschwindenden Beni nach. »Ich muss auch.« Er schlotterte am ganzen Körper. Mit kläglichem Gesicht hielt er sich die Hand vor sein Hinterteil und winselte.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst! Seid´s alle inkontinent!«, brüllte Hans. Er stierte den zitternden Lehrer an, sein breiter Unterkiefer mahlte.

Brandner zog seine Augenbrauen in nicht gekannte Höhen. Mit Märtyrerblick trat er von einem Fuß auf den anderen und stöhnte. »Nur ganz schnell«, flehte er. »Da hinter der Autotür. Du willst den Saustall doch auch nicht.«

*

Alles war so wie immer in der Henkershüttn. Die Stammgäste hielten sich an ihrem Glas fest. Ein paar Touristen studierten die übersichtliche Speisekarte und an dem hinteren Tisch beugte sich ein einsamer Herr über seine Leberknödelsuppe.

Der Wirt polierte Gläser. Da ergriff einer von den Thekenbrüdern das Wort. »Seit vorgestern ist der Beni nicht mehr gekommen. Weiß einer was?«

Allgemeines Kopfschütteln. Man nahm allseits einen tiefen Schluck. Da meinte sein Nachbar: »Vielleicht hat er´s ja endlich gepackt. Er wollt ja schon immer nach Passau. Oder Regensburg.« Grübelnd nickte er in sein Weißbier. Seine Kumpel brummten zustimmend. Da wär der Beni nicht der erste, der vom Woid die Schnauze voll gehabt hätte.

Die Gemütlichkeit wurde jäh unterbrochen. Die Tür schwang auf, ein junger Mann stürzte herein. Leichenblass.

»Sie haben den Beni gefunden! Und den Hans. In Leopoldsreut. Erfroren. Im Schulhaus.« Er musste sich an der Theke festhalten.

»Was?«, fragte ein Stammgast. »Was haben die da draußen gemacht?«

Der Wirt stellte dem jungen Mann einen Obstler vor die Nase. Der nickte ein Danke und trank auf ex. »Woher soll ich das wissen?« Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Die Polizei meint, dass es Mord war.«

»Mord?«, sagten die Stammthekenbrüder wie aus einem Mund.

Der andere nickte. »Ja, weil kein Auto mehr da war. Aber Reifenspuren. Da hat einer die beiden hingefahren, hat die rausgeschmissen und ist wieder weg.« Langsam redete er sich warm. »Da draußen ist kein Handynetz. Also sind sie in die Schule zum Unterstellen. Gegen den Schneesturm. War ja so ein grausliches Wetter am Dienstag. Aber es hat nix genützt. Bei minus 25 Grad erfrierst auch im Haus, wenn der Wind durch die Ritzen pfeift.«

Die Männer schauten dumpf vor sich hin. Sie stellten sich gerade vor, was da draußen passiert war. Und auch der ältere Mann, der am hintersten Ecktisch saß, dachte an die Nacht zurück. Er fasste sich an den Rollkragen seines Pullovers. Die Striemen juckten. Er zog den Stoff vom Hals weg, sein Blick wurde leer.

 

Hans hatte mit seinem ausladenden Kinn auf das Auto gezeigt. Brandner war mit der Hose um die Füße in die Richtung getrippelt.

»Ich geh hinter die offene Tür«, hatte er schmeichelnd gesagt. »Du willst mir bestimmt nicht zuschauen.«

Da ließ der Hans den Strick locker. Brandner hüpfte hinter die Fahrertür. Mit einem plötzlichen Ruck riss er dem Hans den  Strick aus der Hand, schmiss sich ins Auto und und drückte die Generalverriegelung. Hans humpelte mit dem Gipsfuß um das Auto, packte den Griff und rüttelte, aber er verschwendete nur seine Energie.

Zum Glück für den Lehrer steckte der Schlüssel. Brandner drehte ihn im Zündschloss, der Wagen sprang sofort an. Brandner erschrak, als der Hans mit seinen bloßen Fäusten auf die Fensterscheibe eindrosch. Das Gesicht zornesrot. Aber es war vergebens. Der Lehrer legte den ersten Gang ein und trat das Gaspedal durch. Der Schnee stob unter den Hinterreifen hervor und bedeckte den Hans, den nun nicht mehr stillen, sondern laut schreienden Hans unter einer schmutzigen Schicht. Das Profil der Reifen griff, der Geländewagen machte einen beherzten Satz nach vorne und der Brandner jubilierte. Er schlug das Lenkrad ein, um auf den Weg nach Hinterschmiding zu kommen.

Da sprang Beni aus dem Gebüsch. Mit Wut verzerrter Fratze. Einer Percht gleichend, die in den Raunächten ihr Unwesen trieb. Und nicht nur das, er hechtete zum Auto, die Hände hoch erhoben.

Aber Brandner glich einem Hasen, der einen Haken schlug, der Geländewagen gehorchte, der Schlenker gelang. Der unter den Reifen hervorspritzende Schnee begrub Beni und seine Rachetat. Im Rückspiegel sah Brandner, wie Beni sich am Boden wälzte und schreiend sein Bein hielt. Es interessierte ihn nicht, er raste davon.

Ja, so war das gewesen. Der Brandner steckte seine Hand in die Jackentasche und spürte das kalte Metall. Nur den Autoschlüssel musste er noch verschwinden lassen. Dann war Ruhe.