Leseprobe Karpfhamer Katz

 

1. – Donnerstag

 

»Mörder! Alles Mörder!« Direkt hinter uns poltert es und die Bremsen eines Autos quietschen.

Wir springen zur Seite und drücken uns an die Hausmauer. Eine gute Entscheidung. Keine Sekunde danach rumpelt ein hellblauer VW-Käfer mit den Vorderreifen auf den Bürgersteig und stoppt knapp neben unseren Füßen. Der Motor stirbt ab, ein derber Fluch dringt aus dem offenen Fenster. Dann wird die Tür aufgerissen und die Reitmeier Rosi stürmt heraus. Ihre graubraunen Haare stehen wirr vom Kopf ab und sie zerrt einen länglichen Gegenstand hinter sich her.

»Mörder«, schreit sie wieder und stürzt auf uns zu.

Meine Freundin Isabell, obwohl einen Kopf größer als ich, schiebt sich hinter mich. Sie umklammert meinen Oberarm. »Du meine Güte«, flüstert sie.

Rosi bleibt schnaufend vor uns stehen, zieht das Ding in die Höhe und schwingt es vor meinem Gesicht hin und her.

»Schau’s dir an, Karin«, ruft sie, und ihre Stimme überschlägt sich. »Der Zauner hat die Mimi umbracht.«

Mein Blick gleitet von ihren rotfleckigen Wangen hinüber zu ihrer schwieligen Faust und hinunter auf das Ding. Mein Gott! An einem auffallend kurzen Schwanz baumelt eine getigerte Katze. Ich schlucke. Das arme Tier ist offensichtlich tot. Ein Stück seiner rosa Zunge ragt aus dem Maul, und auf einen seiner Augäpfel setzt sich gerade eine Fliege. Mich schüttelt es.

Hinter mir haucht Isabell: »Oh, die arme Katze. Was ist denn passiert?«

»Der Zauner war’s«, giftet die Reitmeierin. »Ich hab’s ja schon immer gesagt. Der Zauner bringt noch meine Katzen um. Und jetzt ist es geschehen. Ich war auf der Polizei. Hab dem Grieshuber die Mimi hingehalten und gesagt, dass der Zauner wieder seinen Dreck auf meinen Grund geschmissen hat, und sie hat’s aufgefressen, das elende Viech. Aber der hat nur den Kopf geschüttelt. Immer nur den Kopf geschüttelt. So ein sturer Hammel, ein sturer.« Ihre Stimme bebt vor Zorn.

Ich streiche meine Locken aus der Stirn und seufze. »Rosi«, fange ich an, aber ich komme nicht weit.

»Der Zauner war’s«, ruft sie über unsere Köpfe hinweg und hält die Katze hoch.

Ich drehe mich um. Ein älteres Ehepaar ist in einiger Entfernung stehen geblieben und sieht unsicher zu uns herüber. Ich kenne sie nicht. Wahrscheinlich Kurgäste aus dem nahen Bad Griesbach, die sich den historischen Platz von Kirchmünster anschauen wollen. Er ist ja auch pittoresk, unser Kirchplatz, mit den bunten Fassaden der Stadthäuser und den gewaltigen Kastanienbäumen. Im Moment jedoch haben sie dafür keinen Blick. Auf der anderen Seite kommen ebenfalls Leute heran und stecken ihre Köpfe zusammen. Wir haben gute Chancen, zum heutigen Tagesgespräch zu werden.

Zu allem Überfluss ist auch noch der Schulbus im Begriff, die Haltestelle anzufahren. Gleich wird es hier von Kindern wimmeln, die schreiend die tote Katze entdecken.

»Rosi«, wiederhole ich energischer als zuvor. »Es ist wirklich furchtbar, was mit der Mimi passiert ist.« Ohne die Reitmeier Rosi aus den Augen zu lassen, nehme ich die Bücher, die ich gekauft habe, aus der Plastiktüte und drücke sie Isabell in die Hand.

»Ganz schrecklich«, fahre ich fort. »Aber vom Rumschreien wird sie nicht wieder lebendig. Willst du sie nicht besser beerdigen?« Ich schüttle die Tüte auf und halte sie unter die Katze. »Die Mimi würde bestimmt lieber unter dem Holunderbusch liegen, als hier in der Sonne herumgezogen zu werden. Meinst du nicht?«

Ich stülpe die Tüte von unten über den toten Körper und nicke der Rosi auffordernd zu. Mit wildem Blick fixiert sie mein Gesicht. Ich bemühe mich, sie anzulächeln und freundliche Entschlossenheit auszustrahlen. So stehen wir uns eine Weile gegenüber. Ich höre das Zischen der sich öffnenden Bustüren, verstärke mein Lächeln und habe Glück. Tränen glitzern in ihren Augen und die Katze plumpst in den Beutel.

»Gut.« Erleichtert nehme ich die Tasche in die eine Hand, fasse Rosi am Ellbogen und drehe sie Richtung Auto. Ich schöpfe bereits Hoffnung, dass ich die unselige Situation schnell und glimpflich beenden kann. Aber ich habe Rosi unterschätzt. So schnell gibt sie nicht auf.

Sie wischt meine Hand von ihrem Arm und packt stattdessen meine Schultern. »Karin. Du kennst doch die ganze Geschicht. Der Zauner, der Mistkrippi, traktiert mich jedes Jahr. Es nimmt einfach kein End.«

»Rosi«, versuche ich, sie zu unterbrechen. Es bleibt bei dem Versuch.

»Und du wirst seh’n, jetzt beim Karpfhamer geht’s auch wieder los mit der Stehlerei.« Sie beugt sich näher zu mir herüber und reißt ihre Augen auf. »Er hat eine ganze Bande, und er ist der Chef. Handtaschen«, zischt sie und nickt. »Glaub’s mir. Handtaschen.«

In gebührendem Abstand verfolgen die Passanten das Geschehen. Sie tuscheln. Die Worte »Zauner« und »Handtaschendieb« spitzen aus dem Gemurmel heraus. Wenn die Rosi nicht aufpasst, hat sie gleich noch eine Anzeige wegen übler Nachrede am Hals. Wäre ja nicht die erste.

Ich neige mich zu ihr und sage leise: »Rosi, du bist jetzt aufgebracht. Sag nichts Unüberlegtes.« Ich hebe abwehrend die Hände, weil sie schon wieder den Mund öffnet, und spreche schnell weiter. »Es ist eine schwere Zeit für dich. Das Volksfest macht dir zu schaffen, erst der Aufbau, dann die vielen Leute.«

»Und dieser Krach!«, plärrt sie. »Den ganzen Tag und die ganze Nacht.«

Ich lege meine Hand auf ihren Arm. »Ja, ich weiß. Vielleicht solltest du mal wieder zu mir kommen. Dann üben wir zusammen autogenes Training. Zur Beruhigung.« Zwar habe ich dazu überhaupt keine Lust – ich erinnere mich mit Grausen daran, wie sie damals fast meinen Entspannungskurs mit ihrem Mitteilungsbedürfnis hätte platzen lassen – aber ich halte es für meine Pflicht, es ihr anzubieten. Schließlich bin ich Psychotherapeutin geworden, um den Menschen zu helfen.

Rosi beutelt sich jedoch wie ein Hund. »Ich brauch kein autogenes Training«, ruft sie. »Ich bin ganz ruhig. Aber helfen könnst mir schon. Du …«, dabei pikt sie mir mit dem Zeigefinger in den Brustkorb, »du hast doch schon so viel aufgeklärt. Die ganzen Morde und das andere Zeug. Spionier dem Zauner hinterher. Du find’st bestimmt was. Dann kommt er ins Gefängnis und ich hab endlich mei Ruh.«

Ich bin sprachlos.

»Na, was sagst? Das wär doch was für dich. Ha?«

Langsam lasse ich die Luft aus meinen Backen entweichen. Ideen hat die! Den Zahn muss ich ihr allerdings gleich ziehen. Ich lasse mich nicht für ihre Spinnereien einspannen!

»Nein, Rosi, das mache ich nicht.« Ich sehe sie ernst an. »Der Zauner ist ein unbescholtener Bürger. Er kann nichts dafür, dass er auf dem Karpfhamer sein Festzelt genau neben deinem Hof stehen hat. Lass du ihn endlich in Ruhe, dann hast selber auch deine Ruh.« Klare Worte können nicht schaden.

»Pah, dann mach halt nichts. Du wirst schon noch sehen, dass ich recht hab.« Damit reißt sie mir die Tüte aus der Hand und läuft zu ihrem Auto. Der Motor heult auf, das Getriebe knirscht, dann holpert der alte Käfer vom Bürgersteig, drängelt sich in den Verkehr und rast davon.

Ich atme auf. Die Leute lachen und gehen weiter. Ein gutaussehender Mann mit grauen Schläfen lächelt mir zu und hält den Daumen nach oben. Ja, ich bin seiner Meinung. Ich habe mich prima geschlagen.

»Was war denn das?« Isabell tritt neben mich und wirft ihre langen, dunklen Haare nach hinten.

»Das war Rosi«, antworte ich.

Das ältere Ehepaar kommt langsam näher. Die Frau hat sich bei ihrem Mann untergehakt und macht immer noch einen ängstlichen Eindruck.

»Sagen Sie«, spricht er mich an, »sollten wir nicht lieber die Polizei rufen? Diese Frau war ja nicht ganz bei Sinnen.«

»Nicht nötig«, ich winke ab. Das fehlt mir gerade noch, mich mit dem Grieshuber wegen der Reitmeierin herumschlagen zu müssen. Ich setze mein treuherziges Gesicht auf. »Wir haben nur für ein Stück geprobt. Laienschauspielgruppe, wissen Sie.«

»Ah so.« Die beiden nicken. Nun taut auch die Frau auf. »Das ist ja interessant«, meint sie. »Wie heißt das Stück denn?«

»Die Karpfhamer Katz«, sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Ein kurioser Name. Wird es denn bald aufgeführt?« Offenbar sind die beiden kulturbeflissen.

Ich wiege meinen Kopf hin und her. »Das steht noch nicht fest. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im Rottal.« Schnell nehme ich Isabell bei der Hand und ziehe sie über die Straße zur Kirche hinüber.

Als wir außer Hörweite sind, bleibt meine Freundin stehen. »Karin, sag mal, den beiden hast du jetzt aber einen Bären aufgebunden, oder?«

Ich lache. »Natürlich. Was denkst denn du?«

Sie sieht mich tadelnd an und schüttelt den Kopf. »Aber wie kannst du darüber nur deine Witze machen? Die arme Katze. Es ist doch schlimm, wenn jemand Katzen vergiftet.«

»Natürlich. Aber ich glaube nicht, dass sie vergiftet worden ist. Die Reitmeier Rosi hat mindestens dreizehn Katzen, und da kann es schon vorkommen, dass eine stirbt.«

»Dreizehn Katzen?«, wiederholt Isabell.

Ich nicke. »Du kennst die Rosi nicht. Sie ist etwas sonderbar.«

»Na, das hab ich auch gerade gemerkt«, meint Isabell.

»Ja, die Rosi spinnt halt ein bisschen. Das eben war ein schönes Beispiel. Eigentlich darf ich nicht darüber reden, aber nur so viel: Vor zwei Jahren ungefähr war Rosi bei mir in Behandlung. Wegen ihrer Nervosität, wie sie sich ausgedrückt hat. Obwohl sie in Rente ist, seit Langem erwerbsunfähig, wenn ich das richtig im Kopf habe, war sie im Dauerstress. Und wie wir gerade gesehen haben, ist sie das zumindest um das Karpfhamer herum immer noch. Ich hab die Behandlung damals beendet. Sie war die anstrengendste Klientin, die ich jemals hatte. In jeder Sitzung ist sie über einen ihrer Bekannten hergezogen. Sie wusste über jeden etwas Schlechtes. Irgendwann hab ich ihr keine Termine mehr gegeben. Für ihre Tratscherei musste sie sich jemanden anderen suchen.«

Ich zeige Richtung Trachtengeschäft, das in der Volksfestzeit der Einkaufsmagnet in Kirchmünster ist. Die Leute geben sich quasi gegenseitig die Türklinke in die Hand. Tracht ist in und ein absolutes Muss für einen zünftigen Festbesuch. »Komm, lass uns jetzt endlich zu den Münchhamers gehen und dir ein Dirndl kaufen. Du sollst anständig angezogen sein fürs Karpfhamer.« Ich eile voran.

»Okay. Aber meinst du nicht, dass die Katze -«

»Nein, meine ich nicht. Jetzt komm. Vergiss es einfach.«