Niederbayerische Göttinnen

Sonntag, 8. Mai

 

Angefangen hat alles ganz harmlos.

Muttertag. Meine Kinder überraschen mich mit einer gemeinsamen Wanderung. Normalerweise hassen sie es zu wandern – wie wahrscheinlich der Großteil der pubertierenden Weltbevölkerung. Dieses Geschenk ist daher ein enormer Liebesbeweis, und ich bin dementsprechend gerührt. Außerdem kommt der Ausflug meinem Vorsatz nach mehr Bewegung entgegen. Denn ich habe, wie immer im Frühling, dem Winterspeck an meinen Hüften den Kampf angesagt und bin willens, ihn heuer zu gewinnen.

Nach dem Frühstück geht’s ab in den Steinkart, unseren Wald zwischen Bad Griesbach und Ortenburg. Linus mit seiner Freundin Anna, Susa, Vicky und ich treffen uns an diesem sonnigen Sonntag mit Ludwig Garhamer, Förster und Wanderführer in Personalunion. Garhamer ist ein hochgewachsener, arg schlanker Mann mit einer schlampigen Körperhaltung. Er zieht den Kopf zwischen die Schultern, als müsse er durch eine niedrige Tür gehen. Oder er befürchtet, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Für einen Fremdenführer ist er ungewöhnlich wortkarg, aber nicht unnett. Natürlich hab ich meine Mischlingshündin Runa mitgenommen. Sie freut sich genauso wie ich auf ein paar Stunden im Wald. Einzig Linus‘ Zwillingsschwester Lilly ist nicht mit von der Partie. Die Achtzehnjährige wohnt in München bei ihrem Vater. Na ja, oder bei meinem Ex-Mann. Das soll heute allerdings kein Thema sein. Schließlich ist es ein Tag der Freude.

Wir sind Teil einer Gruppe, die sich zum Thema »Auf den Spuren der Kelten« zusammengefunden hat. Die Idee, daran teilzunehmen, hatte Susa, da sie sich seit Neuestem für keltische Kultur interessiert. Ich glaube, da ist ihre Kollegin Birgit nicht ganz unschuldig daran.

Außer uns wandern noch drei Kurgäste mit. Einen davon, einen Herrn Kastner, kennt Susa aus dem Hotel »Drei Eichen«. In diesem Viersternehaus im Kurviertel von Bad Griesbach macht sie seit ein paar Monaten eine Ausbildung zur Hotelkauffrau.

Das Wetter ist schön und wir spazieren gutgelaunt durch die milde Frühlingsluft.

Herr Kastner hat den Förster für sich vereinnahmt und weicht ihm nicht von der Seite. Sie sind lustig anzuschauen die beiden, denn Ludwig Garhamer überragt den Kastner um mindestens eine Kopflänge, und wenn er sich mal gerade hinstellen würde, wäre er noch größer. Dafür ist Herr Kastner doppelt so breit und hat die stolze Haltung eines Gockels. Susa und ich gehen direkt hinter ihnen, so kommen wir in den Genuss seiner Vorträge.

»In meiner Tätigkeit als Auktionator gingen schon zahlreiche keltische Schmuckstücke durch meine Hände. Man könnte auch sagen, ich habe mich auf keltischen Schmuck, ja, und auch auf Münzen spezialisiert. Vor allem aus der Späthallstatt- und Frühlatènezeit.«

Er dreht sich zu uns um. »Also so 500 bis 250 vor Christus.« Nach dieser Belehrung wendet er sich wieder seinem eigentlichen Gesprächspartner zu.

Ich blicke Susa an und rolle mit den Augen. »So ein G’scheithaferl«, raune ich. Sie nickt und grinst. Anscheinend kennt sie seine mitteilsame Art bereits.

Kastner stolziert weiter neben dem Förster durch den Wald und versucht, mit dessen Riesenschritten mitzuhalten. Sein Fotoapparat baumelt auf dem roten Pullunder hin und her.

»Über die Kelten weiß man ja nur das, was sich aus den archäologischen Ausgrabungen erklärt. Sie selbst haben nichts aufgeschrieben. Es wurde höchstens über sie geschrieben. Zum Beispiel berichteten die Römer über sie. Allen voran Cäsar in seinem De bello gallico«, doziert er in Richtung Garhamer und hat in der nächsten Sekunde seinen Kragen schon wieder bei uns hinten. »Das ist ein wunderbares, mehrbändiges Werk über den Gallischen Krieg um 50 vor Christus.«

»Ich hatte Latein-Leistungskurs«, knurre ich, werde von ihm aber überhört, da er sich bereits wieder dem Förster widmet. Ich atme tief durch. Er sieht ja nicht schlecht aus, erinnert mich an den Typen aus dieser alten Fernsehserie. Wie hieß sie gleich wieder? Ach ja, »Ich heirate eine Familie«. Allerdings habe ich die Nase voll von gutaussehenden Männern im besten Alter. Und belehren hab ich mich noch nie gerne lassen.

Kastner fährt mit seiner Unterrichtsstunde fort: »Vor allem im siebten Buch beschreibt Cäsar den Aufstand des Vercingetorix, eines keltischen Anführers, gegen die römische Herrschaft in Gallien. Dieser Vercingetorix ist im Übrigen das Vorbild für den Häuptling bei Asterix und Obelix.« Er lacht auf.

Wenn mir seine Angeberei nicht so unsympathisch aufstoßen würde, fände ich es interessant, was er erzählt. Aber so muss ich an mich halten, ihn nicht von hinten anzumotzen.

Nun reißt er auch noch völlig ohne Grund einen Zweig vom nächstbesten Baum ab, um ihn wie ein Dirigent durch die Luft zu schwingen. Diese Unsitte quittiert Garhamer mit einem Zusammenziehen der Augenbrauen, sagt aber nichts dazu.

Kastner redet noch lauter. »Aber wir waren bei der Spätlatène-Zeit. In dieser Epoche bestatteten die Kelten ihre Toten in Hügelgräbern und legten ihnen Grabbeigaben dazu. Schmuck, Münzen, Tongefäße. In meinem Auktionshaus stelle ich einige Gürtelschnallen, Armreife und Fibeln aus. Das sind Kleiderspangen aus Bronze«, ruft er uns über seine Schulter hinweg zu. »Damit steckten die Kelten ihre Umhänge und Gewänder fest. Damals hatten sie ja noch keine Reißverschlüsse.« Er lacht über seinen Witz.

Ich beuge mich vor und tippe ihm auf die Schulter. »Wo haben Sie denn Ihr Auktionshaus, Herr Kastner?«

Er schreitet kraftvoll aus und schlägt mit seinem Zweig in einen Busch. »Ach, in München, die Straße werden Sie nicht kennen.«

Eine ziemlich diffuse Antwort, finde ich. So will ich mich nicht abspeisen lassen. Wahrscheinlich ist es nur eine kleine Pfandleihe und er markiert hier den großen Macker.

»Ich stamme ursprünglich aus München. Versuchen Sie’s doch einfach mal.«

Im Gehen fummelt er eine Visitenkarte aus der Jacke und gibt sie mir nach hinten. »Melden Sie sich, wenn Sie mal in der Nähe sind.«

Emanuel Kastner, steht da in geschnörkelter Schrift, Auktionator und eine Handynummer. Keine Adresse.

Gerade will ich das monieren, da ruft der Förster: »Jetzt kommen wir zu unserer ersten Station. Ein keltisches Hügelgräberfeld. Und hier ist Herr Josef Obermeier.« Er deutet mit ausgestrecktem Arm auf einen alten Mann im karierten Hemd, der sich auf den Stiel einer Schaufel stützt und uns freundlich entgegenblickt. Klein und hutzelig ist er, der reinste Waldschrat. Die weißen Haare stehen ihm ungekämmt nach allen Seiten und über seinen hellblauen Augen türmen sich buschige dunkle Augenbrauen.

Linus‘ Freundin Anna drängt sich zu mir durch. »Der Sepp ist mein Großvater«, flüstert sie und winkt Josef Obermeier zu. Er zwinkert zurück.

»Dein Opa?« Ich schaue sie verdutzt an und versuche, irgendeine Familienähnlichkeit zu finden. Keine Chance. Anna sieht ihm mit ihren langen glatten Haaren und den braunen Augen überhaupt nicht ähnlich.

»Doch, doch«, sagt sie leise. Anscheinend hab ich gar zu ungläubig geguckt.

»Okay«, murmele ich und richte meine Aufmerksamkeit wieder nach vorn.

Mit halbem Ohr habe ich gehört, was Sepp Obermeier in der Zwischenzeit erzählt hat. Das Gräberfeld mit ungefähr einhundertzehn Hügeln stehe auf seinem Grund und Boden. Es sei ungefähr zehn Hektar oder vierzehn Fußballfelder groß. Wir nicken alle beeindruckt.

Trotzdem muss ich mir ein Grinsen verkneifen, wenn ich ihn anschaue. Bei jeder seiner ausholenden Gesten wippen die weißen Haarsträhnen um sein faltiges Gesicht. Und er meint, Hochdeutsch reden zu müssen, kann dabei aber den Niederbayern nicht verleugnen. Ich finde das goldig!

Er zeigt auf die Hügel um ihn herum, die sich tatsächlich in beachtlicher Vielzahl den Hang hinauf verteilen. Manche sind nur einen Meter hoch, andere dagegen überragen den alten Mann um einiges. Dazwischen und darauf wachsen Buchen, deren altes Laub rostfarben den Boden bedeckt. Auch einige Nadelbäume sind darunter. »Das sind alles Gräber. In dieser Gegend haben schon 1300 vor Christus Menschen gesiedelt und hier ihre Toten bestattet. In der Bronzezeit waren es -«

»Urnengräber«, ruft Herr Kastner und hält den Erlenzweig in die Höhe.

»Ja, genau, der Herr. Die Menschen haben ihre Toten verbrannt und die Urnen in Hügeln vergraben. Um 800 vor Christus kam die -«

»Hallstattzeit«, schmeißt der Kastner wieder sein Wissen in die Menge und zerrt den roten Pullunder nach unten, damit seine vor Wichtigkeit geschwellte Heldenbrust zur Geltung kommt.

Annas Opa schmunzelt. Ich stöhne.

»Ja, Hallstatt- oder Eisenzeit. Da hat der Herr aus der Stadt ganz recht«, sagt Obermeier. »Inzwischen kann man die Leute ohne Weiteres als Kelten bezeichnen. Damals sind die Toten nicht mehr verbrannt worden, sondern es fanden …« Er schaut abwartend zu Emanuel Kastner und wird nicht enttäuscht.

»Körperbestattungen statt«, kräht der auch gleich und reckt seine spitze Nase in die Luft.

»Richtig.«

»Wollen Sie den Vortrag übernehmen?«, ätze ich. Dieser Kastner geht mir gehörig auf die Nerven.

»Das könnte ich zweifelsohne.« Er dreht sich noch nicht einmal zu mir um, sondern reckt nur seine spitzige Nase in die Luft.

»Mein Großvater ist der Keltenexperte!«, empört sich Anna. »Und wenn hier einer was erzählt, dann ist das er!«

Ich lege ihr eine Hand auf die Schulter. »Das stimmt natürlich. Ich hab auch gar nicht gemeint, dass der Herr Auktionator übernehmen soll. Im Gegenteil.«

Obwohl ich nicht leise gesprochen habe, tut der Kastner so, als ob er nichts gehört hätte.

Sepp Obermeier jedoch lässt sich seine gute Laune nicht von dem Münchner Besserwisser verderben. Unbeeindruckt fährt er in seiner Schilderung fort. »Interessant ist, dass die Hügel aus gesiebtem Sand bestehen.« Er stößt mit seiner Schaufel in den nächstgelegenen Hügel und holt nach einer Schicht Humus tatsächlich Sand heraus, den er auf den Boden rieseln lässt. »Stellt euch die Arbeit vor: die ganzen Kubikmeter, wo mit der Hand gesiebt oder die Steine ausgeklaubt worden sind.«

»Gibt’s da drin auch Schätze?«, fragt einer der beiden weiblichen Kurgäste.

»Natürlich!«, ruft Kastner. »Wie ich bereits ausführte, gaben die Kelten ihren Toten eine Vielzahl an wertvollen Gegenständen mit.«

»Lassen Sie meinen Opa reden!«, braust Anna erneut auf. Sie hat mein volles Verständnis. Dieser Kastner ist die reinste Landplage!

»Passt scho, Anna«, sagt Obermeier leise und spricht dann lauter weiter. »Die meisten Hügelgräber sind noch nicht erforscht. Das heißt, höchstwahrscheinlich gibt es hier eine Unmenge an Grabbeigaben. Schmuck, Münzen und so weiter, und so fort. Allerdings«, sein Zeigefinger schnellt in die Höhe, »kann ich niemandem raten, dass er nach den ›Schätzen‹ gräbt. Das ist strafbar – und teuer.«

»Unterstellen Sie uns«, mandelt sich nun der Kastner auf und seine Stimme dröhnt durch den Wald, »wir seien Grabräuber? Das ist die Höhe!«

»Schmarrn. Das tu ich ja gar nicht. Aber gierige Leut hat’s immer schon gegeben.«

Während Kastner sich aufregt und auch Sepp Obermeier langsam ungehalten wird, beugt sich Garhamer noch weiter vor, als es eh seine Angewohnheit ist, und quetscht ein »Wollen wir nicht lieber …« hervor.

Was er will, werden wir jedoch nie erfahren, denn in diesem Moment tritt aus dem dichten Wald neben dem Hügelgräberfeld eine Erscheinung.

Groß gewachsen und aufrecht schreitet eine Frau auf uns zu. Ein schwarzes bodenlanges Kleid umhüllt ihre Gestalt. Die weißen Haare hat sie zu Zöpfen geflochten, die ihr markantes Gesicht umrahmen. So stelle ich mir eine alte Indianerin vor.

»Apollonia Moosbichler«, flüstert der Förster, nimmt seinen Jägerhut vom Kopf und fährt sich über die penibel gescheitelten, dunkelblonden Haare.

»Was ist das hier für ein Lärm?«