NeuroGraphik und Psychotherapie

NeuroGraphik und Psychotherapie – Chancen und Gefahren

Dir geht es nicht gut. Das letzte Jahr war hart. Das Leben hat dir Prügel zwischen die Füße geworfen und nun bist du mit den Nerven am Anschlag. Du kannst nicht mehr schlafen. Du hast zu nichts Lust. Und du näherst dich dem Gedanken, dass du wohl eigentlich eine Psychotherapie brauchen würdest, um wieder aus dem Loch zu kommen.

Da entdeckst du beim Scrollen im Internet diese tollen, farbigen Zeichnungen. NeuroGraphik heißt das. Hier gibt es sogar ein kostenloses Angebot. Du klickst auf den Button, kommst zu einem Video und zeichnest mit.

Du bist nicht allein. Immer mehr Menschen entdecken kreative Methoden wie die NeuroGraphik, weil sie leichter und glücklicher leben wollen. Sie lesen, dass man mit NeuroGraphik Stress abbauen, innere Blockaden lösen oder mehr Klarheit über das eigene Leben gewinnen kann. Das wollen sie auch. Gerade wer in psychotherapeutischer Behandlung ist (oder eigentlich eine bräuchte), fühlt sich oft von zusätzlichen Methoden angesprochen. Doch genau hier gilt es vorsichtig zu sein: NeuroGraphik kann innere Prozesse anstoßen, die ohne therapeutische Begleitung überfordernd wirken.

Was NeuroGraphik in Bewegung setzt

NeuroGraphik ist eine kreative Transformationsmethode, bei der Linien, Formen und Farben genutzt werden, um innere Prozesse sichtbar zu machen und zu verändern. Dabei werden unbewusste Themen, Emotionen und Erinnerungen aktiviert, die sonst vielleicht im Verborgenen bleiben. Viele beschreiben den Prozess als befreiend, klärend und stärkend. Er kann sehr intensiv und wirkungsvoll sein, doch diese Intensität kann auch Schattenseiten haben.

Chancen der NeuroGraphik in Verbindung mit Therapie

Viele Therapeutinnen und Therapeuten nutzen bereits NeuroGraphik als ein Tool in ihrem professionellen Werkzeugkasten. Richtig eingesetzt kann NeuroGraphik eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll ergänzen:

  • Sie fördert die Selbstwahrnehmung und das Verständnis für innere Prozesse.
  • Sie ermöglicht einen Ausdruck von Gefühlen, für die Worte fehlen.
  • Sie kann das Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken – „Ich gestalte meine Zeichnung, ich gestalte mein Leben.“
  • Sie unterstützt Achtsamkeit und hilft, Gedanken und Gefühle zu ordnen.

In einem sicheren Rahmen – etwa gemeinsam mit einer Therapeutin oder nach Absprache mit ihr – kann NeuroGraphik also wertvolle Impulse geben. Auch tiefgehende Traumaarbeit ist mit NeuroGraphik möglich.

Kleiner Einschub: Therapeuten dürfen erst NeuroGraphik bei anderen anwenden, wenn sie NeuroGraphik Spezialist/in (oder Trainer/in) sind. Erkundige dich, bevor du mit jemandem NeuroGraphik machst, ob er oder sie auch die dafür notwendige Ausbildung absolviert hat. Ein Basiskurs allein genügt nicht, um mit anderen NeuroGraphik praktizieren zu dürfen.

Die Risiken bei unbegleiteter Anwendung während einer Therapie

Du hast also diese kostenlose Zeichenanleitung gefunden und begeistert losgezeichnet. Aber dann geschieht etwas, das du nicht einordnen kannst. Dir wird heiß und kalt, du bekommst keine Luft mehr, dein Magen zieht sich zusammen. Was passiert mit dir? Dabei wolltest du doch nur ein bisschen Entspannung, ein wenig Ablenkung. Es sah so harmlos aus. Diese Linien und Kreise und bunten Farben. Aber jetzt hämmert dein Herz. Das Thema des Videos hatte dich angesprochen. Glücksgefühle. Ja, die könntest du gut gebrauchen. Aber beim Zeichnen kamen dir all die hässlichen Szenen in den Sinn, die du im letzten Jahr mit deinem Freund vor der Trennung hattest. Pah, Glücksgefühle.

Wenn du NeuroGraphik ohne Rücksprache und ohne professionelle Begleitung einsetzt, während du in Therapie bist, lebst du riskant. Warum? Welche Gefahren und Risiken gibt es?

  • Überforderung: Neurographisches Zeichnen kann sehr schnell viele Gefühle auf einmal an die Oberfläche bringen. Das kann überwältigend sein.
  • Retraumatisierung: Verdrängte Erinnerungen oder alte Verletzungen können plötzlich auftauchen – ohne dass jemand da ist, der Halt gibt.
  • Verlust des sicheren Rahmens: Psychotherapie arbeitet mit klaren Methoden und Strukturen. Wenn man NeuroGraphik allein und ohne Vorkenntnisse praktiziert, können unkontrolliert Prozesse geöffnet werden, die im Moment in der Therapie nicht dran sind.
  • Widersprüche im Prozess: Wenn die Psychotherapie an einem bestimmten Thema arbeitet und NeuroGraphik gleichzeitig etwas ganz anderes aktiviert, kann das den Fortschritt blockieren.

Warum Absprache mit der Therapeutin entscheidend ist

Wenn NeuroGraphik während einer Psychotherapie z.B. durch den Besuch des Basiskurses eingesetzt werden soll, solltest du das unbedingt mit der Therapeutin oder dem Therapeuten besprechen. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die Methode den Prozess unterstützt und nicht stört. Manche Therapeuten sind offen dafür, die Zeichnungen in die Sitzungen zu integrieren – zum großen Nutzen der Patienten. Andere, die NeuroGraphik nicht kennen, raten von parallelen Methoden ab.

Wenn du noch keine Therapeutin hast, kannst du auch mit mir im Vorfeld abklären, ob und wie du NeuroGraphik praktizieren kannst.

Mir als NeuroGraphik-Trainerin ist wichtig, dass du eigenverantwortlich an Kursen teilnimmst. Meine Kurse sind keine Therapie und können auch keine Therapie ersetzen. Sie sind intensive Selbsterfahrungsmöglichkeiten. Ich spreche mich nicht kategorisch dagegen aus, dass Menschen in Therapie zu mir in den Basiskurs kommen. Ich möchte nur, dass sie wissen, was sie tun und sich gegebenenfalls bei ihren Therapeuten absichern.

Empfehlungen für Betroffene

Alle kostenlosen Anleitungen sowie mein Buch NeuroGraphik – Die Anleitung aus der Praxis können dir nur einen Einstieg in die Methode bieten. Sie sind generell nicht dazu geeignet, tiefgehende persönliche Themen zu bearbeiten. Dies beginnt erst im Basiskurs.

Ich kann gut verstehen, dass du mit allen Mittel versuchen möchtest, deine Situation zu verbessern. Aber wenn du psychisch nicht stabil bist, solltest du folgende Empfehlungen beherzigen:

  • Experimentiere nicht allein, wenn du gerade in Therapie bist. Versuche schon gar nicht, selbst persönliche, bedrückende Themen mittels kostenlosen Informationen zu bearbeiten.
  • Halte immer Rücksprache mit der Therapeutin oder dem Therapeuten. Bevor du dich für den Basiskurs entscheidest, besprich dies mit der Therapeutin. Vereinbare mit ihr, dass du dich auch kurzfristig an sie wenden kannst, wenn dich der von der NeuroGraphik angestoßene Prozess überfordert.
  • Wähle aus den kostenlosen Angeboten von meinem YouTube Kanal oder auch im Experiment NeuroGraphik kleine Übungen, die beruhigend wirken, statt selbst tiefe Transformationsprozesse anstoßen zu wollen.
  • Achte auf innere Signale: wenn sich Unruhe oder Angst verstärken, runde intensiv ab. Meist wird die Anspannung leichter, wenn du alle Linienkreuzungen abgerundet hast. Du kannst auch auf einem zweiten Blatt nur Kreise oder Spiralen zeichnen. Sollten diese Sofortmaßnahmen keine Besserung bringen, höre auf zu zeichnen und spricht das Thema im geschützten Rahmen an.

Fazit

NeuroGraphik kann eine wunderbare Methode sein, um innere Prozesse sichtbar zu machen und Heilung zu unterstützen. Doch gerade dann, wenn man ohnehin in psychotherapeutischer Behandlung ist, braucht es einen verantwortungsvollen Umgang. Ohne Begleitung besteht die Gefahr, innere Türen zu öffnen, für die man noch nicht bereit ist. Sicherheit, Integration und der therapeutische Rahmen sollten immer an erster Stelle stehen.


Checkliste: Bin ich gerade bereit für NeuroGraphik?

Möchtest du eine erste Einschätzung, ob NeuroGraphik im Moment das Richtige für dich ist? Dann beantworte die folgenden Fragen ehrlich mit Ja oder Nein:

  1. Fühle ich mich aktuell innerlich stabil genug, um neue Methoden auszuprobieren?
  2. Habe ich mit meiner Therapeutin oder meinem Therapeuten über NeuroGraphik gesprochen und würde sie mich auch kurzfristig unterstützen, falls ich mit der Wirkung des neurographischen Zeichnens nicht zurecht komme?
  3. Bin ich bereit, bei schwierigen Gefühlen sofort aufzuhören und sie in meiner Therapie zu thematisieren?
  4. Habe ich bereits Erfahrung mit kreativen oder körperorientierten Methoden, sodass mir ein sicherer Umgang leichter fällt?
  5. Wähle ich eher leichte Übungen (z. B. beruhigende Linien oder kleine Skizzen) statt tiefergehender Prozesse?
  6. Habe ich einen sicheren Rahmen – etwa eine Gruppe mit einer Trainerin?
  7. Bin ich mir bewusst, dass NeuroGraphik kein Ersatz für Psychotherapie ist, sondern höchstens eine Ergänzung?

Auswertung:

  • Viele Ja-Antworten: Du bist wahrscheinlich in einer guten Ausgangslage, NeuroGraphik behutsam auszuprobieren – am besten in Absprache mit deiner Therapeutin.
  • Mehrere Nein-Antworten: Vorsicht! In deiner aktuellen Situation könnte es riskant sein, NeuroGraphik ohne engere Begleitung einzusetzen. Sprich unbedingt zuerst mit deiner Therapeutin oder suche dir eine geschützte Anleitung.

Ein Beispiel aus der Praxis

Nach den vielen mahnenden Worten möchte ich dir hier die Rückmeldung einer Teilnehmerin zeigen. Sie ist eins der vielen positiven Beispiele, wie man trotz psychischer Belastung für sich erfolgreich NeuroGraphik praktizieren kann. Ich bedanke mich herzlich, dass ich ihre Erlebnisse hier veröffentlichen darf.

„Anfang des heurigen Sommers hatte ich ziemliche psychische Probleme. Aufgrund von einschneidenden negativen Erlebnissen mit Psychotherapeut:innen in der Vergangenheit kam die Möglichkeit einer Psychotherapie für mich nicht in Frage und ich machte mich auf die Suche nach Selbsthilfe. In der Folge habe ich einiges ausprobiert und bin irgendwann auf die Neurographik gestoßen. Nach etlichen kostenlosen Angeboten, die ich mitgezeichnet habe, wurde meine Neugier – was steckt dahinter, was kann man alles damit machen – immer größer und mein Entschluss stand fest, ich möchte einen Basiskurs machen. Danach begann die Suche, wo mache ich diesen? Und so bin ich auf dich gekommen. Deine angenehme Art, deine Stimme und deine Inhalte haben mir einfach am meisten zugesagt.

Dein Basiskurs war dann für mich ein absolutes Highlight. Nicht nur, weil ich sehr viel über Technik und Hintergründe der Neurographik gelernt habe, sondern weil sich bei mir wirklich viel getan hat. Die kostenlosen Angebote haben mich wohl schon sehr entspannt und meinen Kopf immer wieder gründlich frei geräumt, aber das Grundproblem blieb. Erst durch die Zeichnungen im Basiskurs haben sich bei mir Denkmuster verändert, ich habe meine bisherigen Verhaltensweisen hinterfragt (sogar im Traum) und bin irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass ich mir viel zu viele Gedanken über Dinge mache, die eigentlich unwichtig sind, die mich nichts angehen bzw. dass mein negatives Gedankenkarussell nichts bewirkt, mich nur fertig macht und zu nichts führt. Ich habe in diesen vier Wochen des Basiskurses wirklich gelernt, loszulassen, freier zu werden. Genau dieses loslassen können war es, was ich wollte und das ist mir mit anderen Methoden nicht oder nicht so gut gelungen. Natürlich weiß ich, dass Verhaltensmuster, die sich über Jahrzehnte eingenistet haben, nicht von heute auf morgen weg sind. Dennoch bin ich überzeugt auf einem guten Weg zu sein und es hilft schon, wenn mich wieder mal negative Gedanken überrollen, mir die Bilder anzusehen und mich darin zu vertiefen.

In der letzten Sitzung des Basiskurses hatte ich dann noch einen weiteren Wow-Moment. Ich bin ja ziemlich perfektionistisch und dieser Perfektionismus steht mir oft im Weg. Als du uns die Express-Entladung gezeigt hast, hatte ich wahnsinnigen Spaß daran und das obwohl das so gar nichts mit Perfektionismus zu tun hat, im Gegenteil. Das hat mich sehr gefreut, denn es bedeutet für mich, dass ich auch hier einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht habe.

Ich werde all das im Basiskurs Erlernte jetzt noch weiter vertiefen und freue mich dann auf Algorithmus #2″

Daniela Riepl

Dieser Erfahrungsbericht soll dich ermutigen, dich der NeuroGraphik zuzuwenden. Eigenverantwortlich. Ich freue mich, wenn ich dich dabei unterstützen kann.

Über Ingrid Werner

Ingrid Werner veröffentlicht Bücher und begleitet vor allem Frauen mit Hilfe von NeuroGraphik und KosmoGraphik in ein leichteres Leben. Ihr ist wichtig, dass ihre KursteilnehmerInnen wieder eine Verbindung zu sich selbst aufbauen

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